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Physik des Fliegens

Physik des Fliegens · Frage 3 von 7

Wie entsteht ein Strömungsabriss beim Flugzeug?

Ein Strömungsabriss entsteht, wenn der Flügel zu steil angeströmt wird: Der Anstellwinkel überschreitet den kritischen Wert, bei einem Verkehrsflugzeug etwa 15°. Die Luft kann der gewölbten Oberseite nicht mehr folgen, sie löst sich ab, und der Auftrieb bricht ein. Mit den Triebwerken hat das nichts zu tun, und er kann bei jeder Geschwindigkeit auftreten.

In dieser Tour bringst du einen A320 zum Überziehen, mit Vollgas, zu langsam und in der Steilkurve, findest den Winkel, an dem der Auftrieb aufgibt, und bringst den Flügel wieder zum Tragen.

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Ein Verkehrsflugzeug im Reiseflug über den Wolken mit Pfeilen für Auftrieb, Gewichtskraft, Schub und Luftwiderstand

Kein Triebwerksausfall: Was beim Stall wirklich abreißt

Viele denken bei „Strömungsabriss“ an ein Problem mit den Triebwerken: Sie setzen aus, und das Flugzeug fällt vom Himmel. Andere halten die Überziehgeschwindigkeit für eine feste Mindestgeschwindigkeit, unter der ein Flugzeug einfach herunterfällt. Beides ist verbreitet, und beides trifft nicht den Kern.

Was abreißt, ist die Luftströmung am Flügel. Wird der Flügel zu steil angeströmt, kann die Luft der Oberseite nicht mehr folgen, und der Auftrieb bricht ein. Piloten sagen dazu auch Überziehen oder kurz Stall. Die Triebwerke können dabei die ganze Zeit Vollgas geben. Im Modell eines A320 in 3.000 m Höhe mit 350 km/h braucht der Geradeausflug 43 kN Schub. Mit Vollgas sind es 143 kN, mehr als dreimal so viel. Zieht der Pilot den Anstellwinkel trotzdem auf 17°, reißt die Strömung ab, und das Flugzeug sinkt mit etwa 5 m/s, obwohl seine Nase steil nach oben zeigt.

Die Tour, nacherzählt

Schritt für Schritt

Schritt 1 von 8 · Erklären

Der Anstellwinkel: wie steil der Flügel angeströmt wird

Der Anstellwinkel ist der Winkel zwischen dem Flügel und der Luft, die auf ihn zuströmt. Mit der Lage des Flugzeugs zum Boden hat er nur bedingt zu tun: Ein Flugzeug kann die Nase heben und trotzdem sinken. Dann kommt die Luft schräg von unten, und der Anstellwinkel ist größer, als die Nase vermuten lässt.

Bei gegebenem Tempo bestimmt der Anstellwinkel, wie viel Auftrieb der Flügel liefert. Ein 64 Tonnen schwerer A320 braucht im Geradeausflug 628 kN Auftrieb. Im Reiseflug in 11 km Höhe mit rund 830 km/h schafft sein Flügel das mit etwa 3°. Mit 350 km/h in 3.000 m Höhe braucht er rund 10°. Bei diesem Winkel liegt die Strömung noch sauber an der gewölbten Oberseite an.

Ein Verkehrsflugzeugflügel im Schnitt, schräg gegen die von links kommende Luft gestellt. Die Stromlinien folgen der gewölbten Oberseite, Auftrieb und Gewichtskraft zeigen beide 628 kN
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Schritt 3 von 8 · Ausprobieren

Mehr Winkel, mehr Auftrieb, bis etwa 15°

Stellt man den Flügel steiler, lenkt er mehr Luft nach unten und trägt mehr. Im Modell liefert der Flügel des A320 bei 350 km/h in 3.000 m Höhe 513 kN bei 8°, 704 kN bei 12° und 790 kN bei 14,5°. Jedes Grad bringt also rund 45 kN.

Dann knickt die Kurve ab. Jenseits des Maximums bringt mehr Winkel weniger Auftrieb: 704 kN bei 16°, nur noch 586 kN bei 18°. Der Winkel am Maximum heißt kritischer Anstellwinkel. Beim Flügel eines Verkehrsflugzeugs mit eingefahrenen Klappen liegt er bei etwa 15° (im Modell 14,5°). Vorflügel und Landeklappen schieben ihn nach oben, im Modell auf knapp 18°. Jeder Flügel hat so eine Grenze, sie hängt vom Profil ab.

Ein A320 von der Seite bei 8° Anstellwinkel, daneben die Auftriebskurve: Sie steigt gerade bis zu einem Maximum und fällt dann in einen roten Bereich für den Strömungsabriss. Der Punkt liegt im ansteigenden Teil
Schritt 3 von 8 · Ausprobieren · Wo ist die Grenze?Diesen Schritt in 3D öffnen

Schritt 4 von 8 · Erklären

Hinter dem kritischen Winkel reißt die Strömung ab

Warum bricht der Auftrieb plötzlich ein? Den größten Teil liefert der Unterdruck über der gewölbten Oberseite, wo die Luft schneller strömt. Zur Hinterkante hin muss sie wieder langsamer werden und gegen steigenden Druck anlaufen. Bei kleinen Winkeln gelingt das. Jenseits des kritischen Winkels ist dieser Anstieg zu steil: Die Luft löst sich von der Oberfläche, meist von hinten her, und verwirbelt. Der Sog auf der Oberseite bricht zusammen.

Im Modell fällt der Auftrieb bei 18° auf 586 kN, unter die Gewichtskraft von 628 kN, und der Luftwiderstand springt von 43 kN im Geradeausflug auf 107 kN. Das Flugzeug beginnt zu sinken, und wer jetzt die Nase weiter hochzieht, macht den Winkel nur noch größer. Mehr Schub ändert daran nichts: Auch mit Vollgas reißt die Strömung beim selben Winkel ab. Entscheidend ist der Anstellwinkel, nicht das Triebwerk und nicht unmittelbar das Tempo.

Ein A320 von hinten bei 18° Anstellwinkel. Über den Flügeln wirbeln goldene Rauchfäden, wo die Strömung abgerissen ist; der Punkt auf der Auftriebskurve liegt hinter dem Maximum im roten Bereich
Schritt 4 von 8 · Erklären · Die Strömung reißt abDiesen Schritt in 3D öffnen

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Warum langsame Flugzeuge überziehen: die Überziehgeschwindigkeit

Der Auftrieb wächst mit dem Quadrat der Geschwindigkeit. Wird ein Flugzeug langsamer und soll trotzdem die Höhe halten, muss ein größerer Anstellwinkel das ausgleichen. Im Modell braucht der A320 bei 400 km/h 7,3°, bei 350 km/h 10,4°, bei 320 km/h 13° und bei 312 km/h 14,4°. Bei 310 km/h liegt der nötige Winkel über dem kritischen, und die Strömung reißt ab.

Diese 312 km/h sind die Überziehgeschwindigkeit dieses Flugzeugs mit 64 Tonnen in 3.000 m Höhe und eingefahrenen Klappen. Sie ist kein Tempolimit, das im Flügel steckt, sondern das Tempo, bei dem der Geradeausflug genau den kritischen Winkel braucht. Muss der Flügel mehr tragen oder ändert sich seine Form, verschiebt sich auch die Überziehgeschwindigkeit.

Ein A320 von hinten mit 400 km/h, daneben die Auftriebskurve. Die Überziehgeschwindigkeit steht bei 312 km/h, die Strömung liegt noch an
Schritt 5 von 8 · Ausprobieren · Zu langsamDiesen Schritt in 3D öffnen

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In der Steilkurve reißt die Strömung früher ab

In der Kurve neigt sich der Auftrieb mit dem Flugzeug. Nur ein Teil davon hält es noch oben, der Rest zieht es um die Kurve. Damit die Höhe bleibt, muss der Flügel bei 45° Schräglage das 1,41-Fache des Gewichts tragen, bei 60° das Doppelte. Dieses Lastvielfache erhöht die Überziehgeschwindigkeit um seine Wurzel: um 7 % bei 30°, 19 % bei 45° und 41 % bei 60°.

Im Modell fliegt der A320 mit 350 km/h deutlich über seiner Überziehgeschwindigkeit von 312 km/h. Legt der Pilot ihn 45° in die Kurve und hält die Höhe, steigt sie auf etwa 375 km/h. Für den zusätzlichen Auftrieb müsste der Flügel über den kritischen Winkel hinaus angestellt werden: Die Strömung reißt sofort ab, bei einem Tempo, das eben noch sicher war. Bei 30° Schräglage würde dasselbe Flugzeug noch fliegen, die Überziehgeschwindigkeit läge dann bei 335 km/h. Ein Strömungsabriss ist also bei jeder Geschwindigkeit möglich, sobald der Flügel mehr Auftrieb liefern soll, als er kann.

Ein A320 von hinten in 45° Schräglage, über den Flügeln wirbeln goldene Rauchfäden. Die Anzeigen melden einen Strömungsabriss und ein schnelles Sinken
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Strömungsabriss abfangen: Nase runter zuerst

Weil der Winkel den Strömungsabriss auslöst, liegt auch die Lösung im Winkel. Der Pilot drückt die Nase nach unten und verkleinert so den Anstellwinkel, bis die Strömung wieder anliegt. Erst danach bringt er die Flügel in die Waagerechte und gibt Schub, um Fahrt aufzunehmen und wieder zu steigen. Diese Reihenfolge lernen Piloten in der Ausbildung, so steht sie auch im Airplane Flying Handbook der US-Luftfahrtbehörde FAA.

Der Instinkt sagt das Gegenteil. Ein Flugzeug, das mit erhobener Nase sinkt, scheint noch mehr Nase hoch zu brauchen, doch Ziehen hält den Flügel nur jenseits seiner Grenze. Im Modell bleibt ein überzogener A320 in der 45°-Kurve im Strömungsabriss, solange der Winkel gehalten wird, selbst wenn er dabei schneller wird. Wird der Anstellwinkel auf etwa 12° zurückgenommen oder werden die Flügel gerade gerollt, trägt der Flügel wieder. In Wirklichkeit ist ein Stall oft unruhiger als im Modell: Häufig reißt die Strömung an einer Fläche zuerst ab, das Flugzeug kippt zu dieser Seite, und bei kleinen Flugzeugen kann daraus ein Trudeln werden. Das zeigt das Modell nicht.

So kündigt sich ein Strömungsabriss an

Ein Flügel warnt meist, bevor die Strömung ganz abreißt. Sobald sie sich zu lösen beginnt, schütteln die Wirbel Flügel und Leitwerk durch, Piloten nennen das Buffeting. Die Ruder werden weich, und das Flugzeug sinkt, obwohl die Nase oben ist. Dazu haben fast alle Flugzeuge eine Überziehwarnung, ausgelöst von einem Sensor für den Anstellwinkel oder einer kleinen Klappe an der Flügelvorderkante: ein Warnton oder eine Stimme, die „Stall“ ruft.

Viele Jets, etwa die Boeing 737, haben zusätzlich einen Stick Shaker, der kurz vor dem Strömungsabriss die Steuersäule rüttelt (SKYbrary: Stall Warning Systems). Airbus-Flugzeuge wie der A320 lösen das anders: Ihre Flugsteuerung begrenzt im Normalbetrieb den Anstellwinkel, und gewarnt wird mit einer Stimme, die „Stall“ ruft.

Was die Überziehgeschwindigkeit verändert

Ein schwereres Flugzeug braucht mehr Auftrieb und erreicht den kritischen Winkel deshalb schon bei höherem Tempo. Im Modell liegt die Überziehgeschwindigkeit des A320 in 3.000 m Höhe bei 276 km/h mit 50 Tonnen, 312 km/h mit 64 Tonnen und 344 km/h mit dem Höchstgewicht von 78 Tonnen. Landeklappen und Vorflügel wirken umgekehrt: Sie wölben und vergrößern den Flügel und lassen größere Winkel zu. Auf Meereshöhe mit 64 Tonnen sinkt die Überziehgeschwindigkeit von 269 km/h mit eingefahrenen Klappen auf 193 km/h mit voll ausgefahrenen. Deshalb fahren sie für Start und Landung aus.

Mit der Höhe steigt die wahre Überziehgeschwindigkeit, also das Tempo gegenüber der Luft, weil dünnere Luft beim selben Tempo weniger trägt: 269 km/h auf Meereshöhe, 312 km/h in 3.000 m und rund 550 km/h in 11 km Höhe, wo der A320 mit etwa 830 km/h fliegt. Der Fahrtmesser im Cockpit misst dagegen, wie stark die Luft anströmt, und zeigt deshalb in jeder Höhe ungefähr dieselbe Überziehgeschwindigkeit an. Nahe der Schallgeschwindigkeit schrumpft zudem der größte Auftrieb, den der Flügel liefern kann, im Modell liegt der kritische Winkel im Reiseflug nur bei 7,4°. Eis auf dem Flügel verdirbt seine Form und kann die Strömung schon bei kleinerem Winkel und höherem Tempo abreißen lassen. Vereisung bildet das Modell nicht ab.

FAQ

Häufige Fragen

Was ist ein Stall beim Flugzeug?
Stall ist das englische Wort für den Strömungsabriss, auf Deutsch auch Überziehen. Der Flügel wird steiler angeströmt als sein kritischer Anstellwinkel, bei Verkehrsflugzeugen etwa 15°. Die Luft löst sich von der Oberseite, und der Auftrieb bricht ein. Mit einem Ausfall der Triebwerke hat ein Stall nichts zu tun.
Kann man einen Strömungsabriss abfangen?
Ja. Sobald der Anstellwinkel kleiner wird, meist indem der Pilot die Nase senkt, liegt die Strömung wieder an, und der Flügel trägt. Dabei verliert das Flugzeug etwas Höhe. Deshalb ist ein Strömungsabriss in Bodennähe gefährlich, und Piloten lernen, ihn früh zu erkennen.
Wie gefährlich ist ein Strömungsabriss für Passagiere?
Im Linienflug kommt ein Strömungsabriss sehr selten vor. Verkehrsflugzeuge warnen lange vor dem kritischen Winkel, und viele, etwa die Airbus-Familie, begrenzen den Anstellwinkel im Normalbetrieb selbst. Turbulenzen, das Ruckeln, das Passagiere spüren, sind kein Strömungsabriss: Der Flügel trägt dabei weiter.
Was passierte beim Strömungsabriss von Air France 447?
Am 1. Juni 2009 fielen bei Air France 447, einem A330 auf dem Weg von Rio de Janeiro nach Paris, über dem Atlantik die Fahrtmesser aus, vermutlich weil Eiskristalle die Staudrucksonden verstopften. Der Autopilot schaltete sich ab. Das Flugzeug stieg auf rund 38.000 Fuß und überzog. Laut Abschlussbericht der französischen Untersuchungsbehörde BEA (Juli 2012) blieb es bis zum Aufprall auf das Meer im Strömungsabriss, etwa viereinhalb Minuten nach dem Abschalten des Autopiloten, und die Besatzung erkannte den Stall nicht. Alle 228 Menschen an Bord starben.
Gibt es einen Strömungsabriss im Triebwerk?
Ja, aber das ist etwas anderes. Beim Verdichterabriss (englisch: Compressor Stall) reißt im Strahltriebwerk die Strömung an den Schaufeln des Verdichters ab, die ebenfalls kleine Flügel sind. Das Triebwerk knallt, verliert kurz Leistung oder geht im Extremfall aus (SKYbrary: Compressor Stall). Mit dem Strömungsabriss am Tragflügel hat das nichts zu tun.
KI-generierte Simulation. Sie kann Fehler enthalten.

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